Die Stimme des Wächters hallte noch in der Luft, als die Welt zu kippen begann.
„Der Riss beginnt.“
Milo stand auf der Veranda seines kleinen Hauses. Die Holzdielen unter seinen nackten Füßen waren noch warm vom Tag – bis auf die eine Stelle, an der sich der Riss durch das Holz gezogen hatte. Die war kalt. Er starrte in den Garten hinaus, und sein Herz hämmerte so laut gegen die Rippen, dass er meinte, die Nachbarn müssten es hören. Aber die schliefen längst, ahnungslos, dass die Welt gerade dabei war, an den Nähten aufzureißen.
Der Splitter in seiner Hand brannte.
Nicht im übertragenen Sinn, sondern wirklich, mit einer Hitze, die sich anfühlte wie flüssiges Sonnenlicht, das durch die Handfläche sickert. Milo keuchte und versuchte loszulassen, aber seine Finger gehorchten ihm nicht. Sie krallten sich um den kleinen Kristall, als hätte sein Körper beschlossen, dass Schmerz ein annehmbarer Preis war für das, was dieser Splitter bedeutete.
Zu seinen Füßen, auf den Dielen, lag das durchgerissene Lederband. Der schmale Streifen, den er sich auf der Insel vom Rucksackriemen abgeschnitten hatte. Seit seiner Rückkehr hatte der Splitter daran über seinem Herzen gehangen, kalt und stumm.
Jetzt nicht mehr.
Lyrian, dachte er. Die Insel. Alles.
Der Wind frischte auf, aber es war kein normaler Wind. Er kam aus dem Nichts, aus einer Richtung, die es nicht geben durfte – aus dem Garten, aus der Stelle zwischen den alten Apfelbäumen, wo die Luft zu flimmern begonnen hatte wie Hitze über einer Sommerstraße.
Milo zwang sich, hinzusehen.
Da war es. Ein Riss in der Luft selbst. Eine Linie aus Dunkelheit, die sich durch die Nacht zog wie eine Wunde, die jemand mit einem unsichtbaren Messer geschnitten hatte. An den Rändern flackerte das Licht violett und kränklich.
Und der Riss atmete.
Er dehnte sich aus, zog sich zusammen, dehnte sich wieder – wie etwas Lebendiges, das versuchte, geboren zu werden.
Der Splitter wurde heißer. Milo spürte, wie die Haut seiner Handfläche zu schmelzen begann, oder zumindest fühlte es sich so an. Ein Schrei stieg ihm in die Kehle, aber er schluckte ihn hinunter.
Er war kein Kind mehr. Kinder schrien.
Hüter handelten.
Denk nach, befahl er sich. Der Wächter hat dir den Splitter gegeben. Er hat gesagt, er weist dir den Weg, wenn Dunkelheit deinen Pfad umgibt. Also: wohin?
Als hätte der Gedanke selbst eine Antwort heraufbeschworen, pulsierte der Splitter in seiner Hand.
Wumm-bumm. Wumm-bumm.
Ein Rhythmus, der nicht sein eigener Herzschlag war und sich trotzdem vertraut anfühlte. Wie ein Echo. Wie ein Ruf.
Und der Ruf kam aus dem Haus.
Milo wandte sich um und stolperte durch die Verandatür in die Dunkelheit seines Wohnzimmers. Der Geruch von Bienenwachs und altem Holz umfing ihn, vertraut und tröstlich. Aber darunter lag jetzt etwas, das nicht hierhergehörte. Ozon. Verbrannter Zucker. Und der metallische Geschmack von Angst.
Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf das Regal über dem Küchentisch.
Dort standen sie, nebeneinander, wie er sie hingestellt hatte: das Glas mit dem Drachenorbit-Honig, Krümels winziger Tontopf mit dem Zimtblütenhonig, das krumme geschnitzte Holzherz.
Der Orbit-Honig leuchtete.
Rosa und violett pulsierte er in seinem Glas, und Milo musste nicht hinhören, um zu wissen, in welchem Takt.
Wumm-bumm. Wumm-bumm.
Im selben Rhythmus wie der Splitter in seiner Hand. Als riefen sich zwei Stimmen über eine große Entfernung hinweg etwas zu.
Und aus Krümels winzigem Topf stieg, obwohl das Blatt fest verschnürt darauf saß, der Duft von Zimt durch das ganze Haus.
Der Splitter zerrte an ihm. Nicht körperlich – es war eher ein Gefühl, eine Richtung, die sich in seinem Kopf ausbreitete wie eine Kompassnadel, die nach etwas Unsichtbarem zeigt. Milo folgte dem Ziehen. Durch das Wohnzimmer, vorbei an dem alten Sessel seines Großvaters, den er nie hatte wegwerfen können. Vorbei am Bücherregal mit den Imker-Handbüchern und den vergilbten Romanen, die niemand mehr las.
Der Flur. Die Treppe. Der Dachboden.
Nein. Nicht der Dachboden. Der Splitter wollte nicht nach oben.
Er wollte nach unten.
Der Keller.
Milo blieb vor der Kellertür stehen. Seine freie Hand legte sich auf den alten Messinggriff.
Das Metall war kalt. Viel zu kalt für eine Spätsommernacht. Frost kroch über die Oberfläche und bildete feine Muster, wie Spinnweben aus Eis.
Seit sein Großvater gestorben war, hatte er den Keller kaum noch betreten, nur um rasch Werkzeug oder leere Gläser zu holen. Milo war damals noch ein Kind gewesen – alt genug, um sich an alles zu erinnern: an die große, warme Hand über seiner auf dem Stockdeckel, an den Geruch von Pfeifenrauch, an die Stimme, die beim Vorlesen ganz tief wurde. Und viel zu jung für das, was danach kam. Unten im Keller standen die Kisten mit den Dingen, die der alte Mann „für später“ aufgehoben hatte. Milo hatte sie nie ansehen wollen. Sie rochen zu sehr nach Verlust.
Jetzt rief etwas dort unten nach ihm.
Er drückte die Klinke herunter.
Die alte Treppe knarrte unter seinen Schritten, jede Stufe ein Protest gegen die Störung. Die Dunkelheit hier unten war dichter, schwerer, als hätte sie Gewicht. Milo tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn, drückte –
Nichts. Die Glühbirne war tot. Natürlich war sie das.
Aber er brauchte kein Licht.
Der Splitter in seiner Hand leuchtete. Erst war es ein sanftes Glühen, rosa und golden wie der allererste Moment eines Sonnenaufgangs, doch es wurde stärker, je tiefer er hinabstieg. Als er den Betonboden erreichte, war das Licht hell genug für die gestapelten Kisten, die verstaubten Regale, das vergessene Werkzeug seines Großvaters.
Und für die Truhe.
… was in der Truhe liegt, steht im Buch.