Es war ein hohes, extrem schnelles Sirren. Siiiiiiiiirrrrrr! Es klang, als würde ein ganzer Schwarm wütender Mücken im Sturzflug angreifen.
„WEG DA! Platz da! Macht Platz für die Luftkavallerie!“
Eine kleine Gestalt schoss wie eine Kanonenkugel aus dem dichten Gebüsch hervor, dicht gefolgt von Dutzenden weiterer kleiner Punkte. Milo wich erschrocken einen Schritt zurück und stolperte fast über eine Wurzel, als das führende Wesen abrupt bremste und direkt vor seiner Nase in der Luft stehen blieb.
Milo blinzelte. Er konnte kaum glauben, was er da sah. Es war ein Drache. Aber er war kaum größer als eine Amsel oder ein sehr dicker Spatz. Sein runder Körper war gelb-schwarz gestreift und sah weich und pelzig aus. Doch er hatte einen schuppigen, goldenen Bauch und vier glitzernde Flügel, die so schnell schlugen, dass sie nur noch als ein verschwommener Schimmer zu erkennen waren. Das Verrückteste aber war, dass der kleine Drache eine winzige Fliegerbrille aus geschliffenem Kristall auf der Stirn trug, die im Mondlicht funkelte.
Der kleine Kerl stemmte seine winzigen Ärmchen in die Hüften und funkelte Milo empört an.
„Ein Riese!“, quiekte er mit einer Stimme, die so hoch war, dass sie fast in den Ohren klingelte. Er drehte sich in der Luft zu Solaryx um. „Solaryx! Warum hast du einen Riesen mitgebracht? Er ist riesig! Er ist klobig! Er sieht tollpatschig aus! Er wird auf die Wurzeln treten! Er wird uns die ganze gute Luft wegatmen!“
„Das ist Milo“, stellte ihn der große Drache mit einer Engelsgeduld vor. „Er ist hier, um zu helfen. Milo, das sind die Honiglinge. Die eigentlichen Herrscher dieser Lichtung, zumindest, wenn man sie fragt.“
Der kleine Drache flatterte noch ein Stück näher an Milos Gesicht heran, sodass Milo den Luftzug der winzigen Flügel auf der Nase spüren konnte. „Ich bin Buzz!“, verkündete der Honigling und sein Brustkorb schwoll vor Stolz an. „Oberster Nektar-Koordinator und Sicherheitsbeauftragter für Flugraumüberwachungsmanövermanagement! Und du, Riese, stehst mitten in meiner Einflugschneise.“
Milo musste unwillkürlich lächeln. Der kleine Kerl war zwar laut und frech, aber irgendwie auch unglaublich niedlich.
„Entschuldigung, Buzz“, sagte Milo höflich und versuchte, so leise und sanft wie möglich zu sprechen. „Ich will euch nichts wegnehmen. Solaryx hat mir gezeigt, dass die Früchte krank sind.“
Bei diesen Worten veränderte sich Buzz’ Haltung sofort. Die Luft ging aus ihm raus. Er ließ die kleinen Schultern hängen und seine feinen Fühler sanken traurig herab.
Der Ärger war verflogen, zurück blieb nur noch Verzweiflung. „Es ist eine Katatastartrophe“, gab der kleine Drache leise zu. „Eine absolute unzumutbare Unmöglichkeit! Das Silberzeug … es ist zäh wie alte Drachenspucke und kalt wie der Winterwind. Wir versuchen es aufzukratzen, aber wir … Wir bleiben kleben! Schau doch mal!“
Er deutete mit einem Ärmchen auf eine Frucht weiter oben am Kaktus. Milo reckte den Hals. Dort klebte ein anderer Honigling mit seinem Hinterbein an den silbernen Fäden fest.
Er zappelte wild und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. „Hallo, Hiiiilfe! Ich bin vertuddelt! Zieht mich jemand raus!“, rief der arme Kerl.
Milo trat näher an die Frucht heran.
Er betrachtete das Gespinst nun ganz genau. Er sah, wie die Fäden funktionierten. Wenn der kleine Honigling daran zog oder riss, zogen sich die Fäden nur noch fester zusammen. Sie reagierten auf Kraft mit Gegendruck. „Gewalt ist hier keine Lösung“, murmelte Milo vor sich hin. „Wenn man zieht, macht man es nur schlimmer. Man muss es überlisten.“
Er nahm langsam, um niemanden zu erschrecken, seinen Rucksack von den Schultern. Die Honiglinge wichen tuschelnd zurück. „Was macht er da?“, flüsterte einer ängstlich.
„Holt er eine Waffe?“, fragte ein anderer.
„Ist das eine Keule? Will er uns hauen?“, fragte Buzz skeptisch, als Milo langsam den langen Holzstiel aus der Seitentasche zog.
„Nein“, sagte Milo sanft und hielt den Gegenstand hoch, damit alle ihn sehen konnten. „Das ist keine Waffe. Das ist ein Werkzeug. Ein Imkerbesen mit Borsten aus Rosshaar.“
Milo trat an die befallene Frucht heran, an der der kleine Honigling festklebte. „Halt ganz still, kleiner Freund“, flüsterte er. Anstatt an den Fäden zu kratzen, zu schneiden oder zu reißen, begann er, ganz sanft mit den Spitzen der weichen Borsten über das silberne Netz zu streichen. Er machte dabei eine spezielle, drehende Bewegung aus dem Handgelenk, sanft, rhythmisch und geduldig. Genauso, wie er es zu Hause bei seinen Bienen tat, wenn er sie behutsam zur Seite schob.
Die borstigen Haare des Besens verfingen sich in den silbernen Fäden. Aber weil Milo nicht zog, sondern sanft drehte, wehrten sich die Fäden nicht. Sie ließen sich aufwickeln wie Zuckerwatte auf einem Stab. Zentimeter für Zentimeter löste sich der graue Belag vom Fuß des Honiglings und von der Schale der Frucht. Das kalte Grau verschwand im Besen, und darunter kam die leuchtende, pinke Schale zum Vorschein.
Der befreite Honigling purzelte in die Luft, fing sich mit seinen Flügeln ab und flatterte glücklich davon. „Ich bin frei! Juhu!“ Gleichzeitig passierte etwas Wunderbares: Der süße, schwere Duft des Nektars strömte sofort aus den Poren der befreiten Pflanze.
Ein Raunen ging durch die Menge der Honiglinge. Dutzende kleine Flügel glitzerten aufgeregt im Mondlicht. „Er hat das Silber weggefegt!“, rief einer staunend. „Wie Magie!“
Buzz flog näher. Er landete vorsichtig auf der sauberen, glatten Schale der Drachenfrucht. Er beugte sich hinab und leckte kurz daran. Seine winzigen Augen weiteten sich unter der Fliegerbrille. „Nektar!“, schrie er begeistert, sodass es über die ganze Lichtung hallte.
„Freier, süßer Nektar!“ Er drehte sich zu Milo um und strahlte über beide Ohren. „Der Riese ist ein Genie! Ein Besen-Genie!“
Milo arbeitete konzentriert weiter. Frucht für Frucht befreite er von der Kälte. Seine Arme wurden schwer, aber sein Herz war leicht wie eine Feder. Er fühlte sich nützlich. Er war am richtigen Ort. Während er so arbeitete, vertieft in den Rhythmus seiner Bewegungen, spürte er plötzlich wieder dieses seltsame Kribbeln im Nacken. Das Gefühl, beobachtet zu werden.
… wer Milo da aus dem Wald beobachtet, steht im Buch.